Aktien Nennwert: Was da wirklich auf Ihrem Papier steht (und warum es fast egal ist)
Ein Bekannter rief mich letztes Jahr an, ganz aufgeregt: Er habe 200 Aktien eines Unternehmens gekauft, Nennwert 1 Euro, also besitze er Anteile im Wert von 200 Euro. Ich musste kurz lachen. Dann habe ich ihm erklärt, dass er gerade 6.400 Euro bezahlt hatte. Für Papiere, auf denen „1 €" gedruckt steht.
Genau hier liegt das Missverständnis, das mir in Gesprächen mit Einsteigern immer wieder begegnet. Der Nennwert einer Aktie ist kein Preis. Er ist eine buchhalterische Größe, ein Rechenschlüssel für das Grundkapital einer Gesellschaft. Mehr nicht. Und trotzdem hängt an dieser Zahl eine ganze Kette von Regeln, die man kennen sollte, bevor man sein erstes Depot eröffnet.
Wichtige Erkenntnisse
- Der Nennwert ist der rechnerische Anteil einer Aktie am Grundkapital, nicht der Börsenpreis.
- In Deutschland gilt für Nennbetragsaktien ein Mindestnennwert von 1 Euro oder ein ganzzahliges Vielfaches davon.
- Die Summe aller Nennwerte ergibt das Grundkapital der Aktiengesellschaft.
- Die meisten großen börsennotierten Firmen nutzen heute Stückaktien, die gar keinen Nennwert mehr tragen.
- Kurswert und Nennwert können weit auseinanderliegen, in beide Richtungen.
Was ist der Nennwert bei Aktien?
Der Nennwert ist der Betrag, der auf der Aktienurkunde aufgedruckt ist und den Anteil dieser einen Aktie am Grundkapital der Gesellschaft beziffert. Steht auf dem Papier „1 €", dann repräsentiert diese Aktie rechnerisch genau einen Euro des eingetragenen Kapitals.
Wichtig dabei: Das Geld, das bei der Emission tatsächlich in die Kasse fließt, kann deutlich mehr sein. Ein Unternehmen kann Aktien mit einem Nennwert von 1 Euro zu 30 Euro ausgeben. Die Differenz zwischen beiden Beträgen landet in der Kapitalrücklage, nicht im Grundkapital.
Warum dieser Wert überhaupt existiert
Ohne einen festen Nennwert hätte ein Aktionär keinen klaren Maßstab, wie viel Stimmrecht und wie viel Beteiligung an seinem Anteil hängt. Der Nennwert schafft eine einheitliche Rechenbasis. Jede Aktie mit gleichem Nennwert trägt dasselbe Stimmrecht und denselben Anteil am Gewinn. Klingt trocken, ist aber der Grund, warum Hauptversammlungen überhaupt abstimmungsfähig sind.
Ich habe das selbst unterschätzt, als ich zum ersten Mal eine Einladung zur Hauptversammlung in der Hand hielt. Da stand nicht „Sie besitzen soundsoviele Euro des Unternehmens". Da stand eine schlichte Anzahl von Aktien. Der Nennwert war nirgends erwähnt. Weil er für die Stimmrechtsfrage schlicht keine Rolle mehr spielt, solange alle Aktien gleich sind.
Der rechtliche Rahmen in Deutschland
Das Aktiengesetz schreibt für Nennbetragsaktien einen Mindestnennwert von 1 Euro vor, oder ein ganzzahliges Vielfaches davon. Höhere Nennwerte sind also möglich, krumme Beträge wie 3,50 Euro nicht. Diese Regelung geht auf die Euro-Umstellung zurück; vorher galt ein Mindestnennwert von 5 D-Mark beziehungsweise 50 D-Mark in älteren Fassungen. Wer heute noch alte Urkunden mit Markbeträgen findet, hält historische Papiere in der Hand, keine gültigen Werte.
Wie berechnet man den Nennwert einer Aktie?
Diese Frage bekomme ich oft, und die ehrliche Antwort lautet: Für den Anleger ist sie fast immer irrelevant. Man rechnet den Nennwert nicht aus, um Aktien zu bewerten. Er steht ohnehin fest, sobald die Gesellschaft gegründet oder eine Kapitalerhöhung beschlossen wurde.
Die Formel, wenn man sie denn braucht, ist denkbar simpel:
- Nennwert je Aktie = Grundkapital ÷ Anzahl der ausgegebenen Aktien
- Beispiel: 5.000.000 € Grundkapital, aufgeteilt in 5.000.000 Aktien → 1 € Nennwert pro Stück
- Anderes Beispiel: 1.000.000 € Grundkapital, 250.000 Aktien → 4 € Nennwert pro Aktie
Und dann? Dann passiert nichts weiter. Der Wert sagt Ihnen nicht, ob die Aktie teuer oder billig ist. Er sagt Ihnen nur, wie das Grundkapital aufgeteilt wurde. Punkt.
Wo Sie den Nennwert tatsächlich finden
Wenn Sie ihn wirklich brauchen, etwa für eine Steuererklärung oder weil Sie die Kapitalstruktur eines Unternehmens durchleuchten wollen: Er steht im Grundkapital-Abschnitt der Bilanz oder im Anhang des Geschäftsberichts. Bei Stückaktien findet sich dort stattdessen der Hinweis „rechnerischer Nennwert" oder eine Angabe wie „jede Aktie entspricht einem Anteil von X Euro am Grundkapital".
Im Depot Ihrer Bank taucht der Nennwert in der Regel gar nicht auf. Dort sehen Sie Stückzahl, Kaufkurs und aktueller Kurs. Ein Fehler, den ich am Anfang gemacht habe: Ich habe in meinem Broker nach dem Nennwert gesucht und gedacht, die Anzeige sei kaputt. War sie nicht.
Was ist der Unterschied zwischen Nennwert- und Stückaktien?
Hier wird es interessant, denn die meisten großen Konzerne haben sich längst von der klassischen Nennbetragsaktie verabschiedet.
| Merkmal | Nennbetragsaktie | Stückaktie |
|---|---|---|
| Nennwert | Fest aufgedruckt, mindestens 1 € | Kein eigener Nennwert, nur rechnerischer Anteil |
| Beispiel | Jede Aktie lautet auf genau 5 € | Jede Aktie steht für 1/10.000.000 des Kapitals |
| Kapitalerhöhung | Erfordert neue Urkunden mit neuem Nennwert | Einfach mehr Stücke ausgeben |
| Verbreitung | Eher kleinere oder ältere Gesellschaften | Standard bei den meisten börsennotierten Konzernen |
Der entscheidende Punkt bei Stückaktien: Sie alle tragen denselben Anteil am Grundkapital, aber es gibt keinen aufgedruckten Eurobetrag mehr. Stattdessen ist jede Aktie ein rechnerischer Bruchteil, und die Satzung legt fest, wie viele dieser Bruchstücke existieren. Das macht Kapitalmaßnahmen deutlich flexibler.
Für Sie als Anleger macht es im Alltag keinen Unterschied. Stimmrecht, Dividendenanspruch, Bezugsrechte: alles identisch. Der Unterschied liegt in der Bilanztabelle, nicht in Ihrem Depot.
Was ist der Unterschied zwischen Nennwert und Kurswert?
Kurz gesagt: Der Nennwert ist festgeschrieben, der Kurswert schwankt mit dem Markt. Und die Kluft zwischen beiden kann enorm sein.
Nehmen wir das Beispiel eines großen deutschen Automobilherstellers: Nennwert der Stammaktie liegt bei rund 2,60 Euro. Der Handelspreis bewegte sich in den vergangenen Jahren oft im Bereich des Fünf- bis Zehnfachen davon. Umgekehrt kann es genauso laufen: Bei einem angeschlagenen Unternehmen notiert der Kurs unter dem Nennwert, dann spricht man umgangssprachlich von einer Aktie „unter Pari".
Warum die beiden Werte so weit auseinanderdriften
Der Kurswert spiegelt Erwartungen. Zukünftige Gewinne, Marktstellung, Zinsumfeld, Stimmung. Der Nennwert spiegelt eine Zahl aus der Gründungsurkunde. Das sind zwei völlig verschiedene Ebenen. Ich habe einmal versucht, einem Kollegen zu erklären, dass eine 1-Euro-Nennwert-Aktie für 80 Euro ein normaler Vorgang ist. Er hat mich angesehen, als hätte ich ihm erklärt, dass Wasser bergauf fließt.
Es ist trotzdem kein Widerspruch. Der Nennwert ist der Sockel, auf dem die Kapitalstruktur steht. Der Kurs ist das Wetter darüber. Man kann nicht vom Wetter auf das Fundament schließen.
Häufige Fragen zum Nennwert
Was ist der Unterschied zwischen dem Nennwert einer Aktie und dem einer Anleihe?
Bei Anleihen hat der Nennwert eine viel größere praktische Bedeutung, denn er bestimmt, welcher Betrag am Laufzeitende zurückgezahlt wird und auf welchen Betrag sich der Kupon bezieht. Eine Anleihe mit 1.000 Euro Nennwert und 3 Prozent Zinsen zahlt Ihnen jährlich 30 Euro. Bei Aktien gibt es keine vergleichbare Rückzahlung, deshalb bleibt der Nennwert hier reine Buchhaltung.
Kann sich der Nennwert einer Aktie nachträglich ändern?
Ja, aber nur durch einen Beschluss der Hauptversammlung. Klassischer Fall: ein Aktiensplit. Aus einer Aktie mit 10 Euro Nennwert werden zwei mit 5 Euro, oder aus einer mit 1 Euro werden zehn mit 10 Cent. Nur darf der Nennwert nicht unter die gesetzliche Mindestgrenze fallen, weshalb deutsche Unternehmen bei Nennbetragsaktien heute meist schon bei 1 Euro anfangen und in solchen Fällen auf Stückaktien umstellen müssen.
Ist der Nennwert relevant für meine Kaufentscheidung?
Nein. Wirklich nicht. Ich habe noch nie eine Aktie wegen ihres Nennwerts gekauft oder nicht gekauft, und ich habe noch nie jemanden getroffen, bei dem das anders war. Wenn Sie ein Unternehmen bewerten, schauen Sie auf Gewinn, Verschuldung, Geschäftsmodell, Wettbewerb. Der Nennwert gehört in keine dieser Kategorien.
Was allerdings relevant bleibt: Wenn Sie Anteile an einem Start-up oder einer GmbH halten, kann der Nennwert plötzlich praktische Konsequenzen haben. Bei einer Kapitalerhöhung muss geklärt sein, wer welchen Teil des neuen Kapitals zeichnet, und hier tauchen dann Zahlen auf, die vorher niemand beachtet hat.
Der Wert, den kaum jemand braucht, den jeder aber kennen sollte
Der Nennwert ist eine derjenigen Größen, die man einmal versteht und danach nie wieder darüber nachdenkt. Er sagt Ihnen nichts über den Wert eines Unternehmens. Er sagt Ihnen nur, wie ein Haufen Kapital in mundgerechte Stücke geschnitten wurde.
Und doch steckt darin ein nützlicher Denkanstoß: Der Preis, den Sie an der Börse zahlen, hat mit dem buchhalterischen Ursprung der Aktie fast nichts zu tun. Wer das einmal verinnerlicht hat, dem erscheint die Frage nach einem „fairen" Kurs in einem ganz anderen Licht. Sie zahlen nicht für einen Anteil an einer Tabelle. Sie zahlen für eine Erwartung an die Zukunft. Die 1 Euro auf dem Papier haben damit ungefähr so viel zu tun wie das Grundbuch mit dem Preis eines Hauses.