Erziehung und Lifestyle ein Widerspruch? Weißt Du noch, früher! – Geschichten mit diesem oder einem ähnlichen Anfang haben wir als Kinder immer gerne gehört. Später, als Jugendliche und in der Zeit der Adoleszenz, verdrehten wir innerlich die Augen oder machten uns vom Acker… das ist das Recht der Jugend! Und heute? Wer erzählt noch Geschichten von Gestern, wer hat noch den Mut, die Vergangenheit als schöne Zeit herauf zu beschwören?

Wie toll konnten wir früher draußen spielen und die Welt entdecken, hatten Platz und Gelegenheiten. Ob im Park oder im naheliegenden Waldstück oder gar am See … auf Baustellen stibitzten wir uns Bierflaschen und kauften uns vom Pfandgeld Süßigkeiten. Gehören wir schon zu den ewig gestrigen, wenn wir solche Geschichten erzählen und unsere Erlebnisse in unserer Erinnerung verklären?

Heute sind Baustellen Hightech-Anlagen, werden bewacht … und welcher Maurer beherrscht noch die hohe Kunst des Mauerbaus mit Hilfe der Bierflasche als Wasserwaage? Pfandflaschen werden heute leider oft von Hartz-IV-Empfängern gesammelt, und Süßigkeiten kauft sich wohl kaum einer davon!

Der viel gepriesene Fortschritt – einhergehend mit technischen Entwicklungen die uns zu überrollen scheinen – und die so viel gelobte (zum Glück aber auch manchmal zu Recht gescholtene) Globalisierung bestimmt unseren Alltag und unser Verhalten: wir pflegen unsere Homepage, aktualisieren unseren PC, sind mit Handy, Blackberry, Palm und Messenger immer auf den Laufenden … und was tun wir für unsere Beziehungen? Pflegen wir diese genauso intensiv und gewissenhaft? Sind wir immer über den seelischen, emotionalen Zustand unsere Liebsten und Nächsten auf dem Laufenden?

Zugegeben: auch ich bin von den technischen Möglichkeiten – die in dieser Form ja erst gut 20 Jahre alt sind! – fasziniert und nutze Internet, E-Mail und Handy; und es gab Zeiten, da drohte ich diesen Mechanismen zu erliegen. Das Handy war immer dabei, ob bei einer Einladung zum Abendessen oder im Biergarten, ob beim Einkauf oder im Urlaub: das Gefühl der Erreichbarkeit war toll und machte mich wichtig. Der zufällig aufgeschnappte Satz „Nur Dienstpersonal ist ständig erreichbar.“ machte mich nachdenklich: gut, wir leben in der so viel gepriesenen ‚Dienstleistungsgesellschaft’ – aber bedeutet das tatsächlich, dass wir alle und immer auch außerhalb der Arbeitszeit erreichbar sein müssen? Gibt es für die empfundene Notwendigkeit, ständig erreichbar und auf dem Laufenden zu sein einen wirklichen Grund? Es mag da die eine oder andere berufliche Situation geben, die eine Erreichbarkeit erfordert, aber wir sind doch nicht alle Notärzte, Rettungssanitäter, Kriminalbeamte, Krisenmanager …

Das Gefühl und das Bedürfnis nach Bedeutsamkeit lassen uns vom technischen Fortschritt und all seinen Möglichkeiten zum Sklaven werden.

Gerade im Sommer lassen sich kleine Anekdoten beobachten, die einer gewissen Komik nicht entbehren: der Mensch hat 2 Hände, damit ist er in der Lage so einiges anzustellen. So weit so gut. Nun gibt es Situationen, in denen es der Trend oder das Sonnenlicht erfordert, eine Sonnenbrille zu tragen, okay. Dann braucht man auch noch den Autoschlüssel (nach Möglichkeit mit dem Signum des Herstellers …) – meist ist das Schlüsselbund ziemlich überdimensioniert und nimmt den Umfang einer Nahkampfwaffe an (viele Schlüssel = Bedeutsamkeit: ich habe Zugänge, ich habe Macht?!), dazu kommt dann noch eine Geldbörse mit dem Umfang einer kleinen Aktentasche, in dem es nur so von verschiedenen Karten (EC-Karten, Kreditkarten, Rabattkarten, Versicherungskarten, Führerschein, Visitenkarten…) wimmelt. Das nächste unentbehrliche Utensil ist das Handy – und da gibt es schon ein Problem: in welche Hand nimmt man das? (bei einer durch= schnittlichen Größe von 1,65 m und zierlicher Statur kann das wirklich zu einem Problem werden!). Zurück zur Sonnenbrille: tritt diese Person nun in einen Raum – sei es ein Geschäft, ein Büro, der Kindergarten oder die Schule – wohin dann mit der Sonnenbrille? In den Händen hält man/frau ja schon das Handy, die Schlüssel, die Geldbörse… Nebenbei hat man ja noch Einkäufe zu tätigen oder Unterlagen in der Hand oder holt sein Kind ab. Die Hände sind so mit Sortieren, Balancieren und Festhalten beschäftigt … da geht schon mal die Konzentration auf das Wesentliche verloren! Und die Haare müssen ja auch noch gerichtet werden … Der geneigte Leser / die geneigte Leserin mag meinen Sarkasmus an dieser Stelle verzeihen, aber das Lesen soll ja auch Spaß machen – und es ist wie im Restaurant: das kleine ‚amuse-geule’ schmeckt halt nicht jedem.

Wir als Erwachsene sind Vorbilder – nicht zu verwechseln mit Idolen – für unsere Kinder. Wir werden nachgemacht, Verhaltensweisen werden kopiert, seltsam anmutende Dinge werden selbstverständlich und gehören für den Nachwuchs verinnerlicht und unumstößlich zum Alltag. Die hier in der kleinen Geschichte zum Ausdruck gebrachte Erscheinungsform des Wichtig seins und Lifestyles gerät immer mehr in den Vordergrund und verschüttet innere Werte und Qualitäten! Und ergänzen kann man diese kleine Beobachtung auch mit der Tatsache, dass das Einhalten von Terminen, das immer auf dem Sprung sein … Formen angenommen hat, die für die Formung der Beziehungsfähigkeit und die Ausbildung der sozialen Kompetenzen – im Sinne der Kinder -nicht unbedingt förderlich ist.

Das Ergebnis dieser Entwicklung kann man bei genauerem Hinsehen tagtäglich beobachten und erleben. Damit meine ich jetzt nicht die so gerne ausgeschlachteten und presserelevanten Meldungen über ausgeflippte Jugendliche, Koma saufen, Gewalttätigkeiten etc. – nein: in unseren Kindergärten und Schulen können wir tagtäglich erleben, wie immer mehr Kinder mit Defiziten eine immer größere – und oft kaum zu bewältigende – Herausforderung für die Pädagogen werden: ob Störungen im Gleichgewichtssinn oder im Bewegungsapparat allgemein, ob Sprach- oder Konzentrationsstörungen, ob eingeschränkte Beziehungsfähigkeit oder nicht entwickeltes Sozialverhalten, ob fehlender Realitätssinn oder mangelnde Fantasie und Kreativität … wie sollen diese Kinder später unsere Gesellschaft weiter entwickeln? Möchten wir, dass diese Menschen in Zukunft mit all diesen anerzogenen und manifestierten Defiziten die Geschicke der globalisierten Welt bestimmen? Unsere Lebenserwartung steigt – zum Glück! – wollen wir von solch ‚gestörten Monster’ regiert, in Kultur und Wirtschaft bestimmt und im Alter betreut und gepflegt werden? Wenn ich ehrlich bin: mir graut manchmal ein wenig davor!

Natürlich sind das keine gestörten Monster, Kinder sind immer auch das ‚Produkt’ der Gesellschaft und ich möchte mit diesem kleinen Essay aufmuntern und Mut machen, diesem vermeintlichen Fortschritt etwas entgegenzusetzen.

Weißt Du noch, früher …

Geschichten mit diesem oder einem ähnlichen Anfang enden oft mit der Bemerkung: „Ja, ja, was war das doch früher alles einfach und schön.“ Damit möchte ich diese Geschichte nicht beenden – ich möchte nicht missverstanden werden: an der so viel gepriesenen früheren Zeit gibt es auch viel zu kritisieren. Der Muff, die Engstirnigkeit und die Unfähigkeit, sich offen mit der Jugendbewegung – und kritisch mit der eigenen Vergangenheit – auseinanderzusetzen, gab genug Anlässe für Streit und Missverständnisse. Will damit sagen, dass früher auch nicht alles besser war, und dass heute auch nicht alles schlecht ist. Aber: wir sollten uns davor hüten, dem Götzen ‚Erfolg’ jegliche Selbstbestimmung und Einzigartigkeit auf dem Altar der vermeintlichen Anerkennung zu opfern. (Bild: Steffen Schäfer/aboutpixel.de)

 

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